Seit einer Woche bin ich in B., einer Kleinstadt am Rand des Hunsrücks, in der dicke Männer in Feinripp und mit Jeanskäppi auf dem Kopf sonntags auf rosa Damenfahrrädern, die beidseitig mit Deutschlandfahnen bewimpelt sind, durch leere Fußgängerzonen fahren. Als mein Vermieter mich vom Bahnhof abholte, haben wir eine kleine Stadttour gemacht. Das heißt, wir sind einmal um die Fußgängerzone herum gefahren. Auf die Frage, woher ich käme, chauffierte er mich, einen kleinen Umweg machend, zu einem Irish Pub, vor dem eine Frau saß und auf ihren Hund einredete. Dort, so sagte mein Vermieter und zeigte auf die Kneipe, werde ein wenig Berliner Flair vermittelt, ansonsten sei doch alles recht nah beisammen.

Das Zimmer, das ich bewohne, liegt im Keller. Es ist nicht sonderlich hell, und wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man Grassoden und die Füße der Vorbeigehenden. Das Mobilar - ein Sessel, zwei Stühle, eine Stehlampe, Bett, Schreibtisch und ein Schrank - scheint mit den Jahren aus den oberen drei Etagen des Hauses langsam in den Keller hinuntergespült worden zu sein wie Strandgut: mein Zimmer ist zugemöbelt mit Dingen, die niemand mehr haben will. Ich wohne in einer Seniorenmöbel-Residenz. Die Küche hingegen, die ich mir mit N., meinem Nachbarn, teile, besteht aus zwei Herdplatten im Flur, in dem auch ein Kühlschrank steht. Der Flur hat keine Fenster, der erste Tag - ich bin vorletzten Sonntag angereist - war deprimierend.

Nach der Arbeit bin ich in der letzten Woche oft ziellos mit dem Fahrrad umhergefahren. In der Stadt gibt es einige Buchhandlungen, die meisten sind Filialen von Ketten wie Weltbild oder Bertelsmann, die in großen Kisten Restauflagen wie Gemüse vor ihren Schaufenstern zu stehen haben. In der Altstadt gibt es aber auch ein Antiquitätengeschäft, das ein paar Bücher verkauft, viel Kriegsliteratur steht da in den wenigen Regalen. Ich habe mir “Gustav Adolfs Page” von Conrad Ferdinand Meyer gekauft, ein Buch, das wirklich ziemlicher Käse ist. Alle naslang erbleicht oder errötet da jemand oder so, es gibt aber auch einige herrlich bescheuerte Passagen wie zum Beispiel folgende: “Humpen dröhnten, Gesundheiten wurden bei offenen Fenstern ausgebracht und oben und unten bejauchzt” oder: “Herr Kamerad! Ich bin ein Freund der Reserve und ein Feind naher Berührungen!” Es werden noch Rekognoszierungsritte unternommen, dem Feind wird nachgesprengt und leicht zu Mute, so der Schmonzes an einer Stelle, wird Guste, der Heldin der Novelle, nur im Pulverdampfe. (Beim Lesen hatte ich dauernd Lieselotte (“Lilo”) Pulver im Kopf, schließlich verkleidet sich Guste als Mann, um Gustav dienen zu können, und hat man Frau Pulver in den 50er Jahren nicht auch ständig in Männerklamotten gesteckt, in Filmen, in denen alle naslang jemand errötet oder erbleicht? Und hat sich Frau Pulver nicht auch mal irgendwann in Rauch aufgelöst bzw. in Dampf verwandelt, um im Spessart Räuberhäuser auszuräuchern, aus denen kurz zuvor noch Humpen gedröhnt hatten und Gesundheiten bei offenen Fenstern ausgebracht worden waren?) Wie auch immer: manche Texte scheinen mit der Zeit ganz von alleine komisch zu werden, man muss sie nur lagern wie Wein, schon wird aus einem alten Schinken ganz okayer Käse. Apropos Schinken und Käse. Mein Weg zur Arbeit wird mir morgens verkorkst von diesem Imbissbäcker, den es auch in Berlin gibt, der alle möglichen Waren mit einer schlimm anzuschauenden, aber noch viel schlimmer riechenden Schinken-Käse-Paste glasiert. Stets erbleiche ich und werde käsig im Jesichte, wenn die Klumpen aus der Fritteuse oder dem Backofen in die Auslage gehievt werden.

Naja. Ich werde jetzt noch ein paar Stunden bis zum Schlafengehen mit ruhiger Hand vertändeln, werde in der gelassensten und leutseligsten Laune von der Welt jede Sorge mit geübter Willenskraft hinter mich werfen, um sie im ersten Frühlichte an derselben Stelle wieder aufzuheben, um so erquickt allerhand Allotria in der Kundendatenbank zu treiben.

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arboretum, 9. Jun 2008, 20:52
O weia. Wie lange müssen Sie es in diesem Zimmer, in B. und mit der Kundendatenbank noch aushalten? Bitte sagen Sie Bescheid, wenn wir Sie retten sollen. Bevor Sie noch Amok laufen und ahnungslose Hunsrücker mit Schinken-Käse-Paste ersticken.

Drei Monate bin ich hier, dann geht´s wieder zurück ins große B; nich soo wild also.
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mlle haendel, 9. Jun 2008, 21:22
Oh je.
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lac, 9. Jun 2008, 21:24
erst die vielen glückwünsche - und nun: mein herzliches mitgefühl.
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gerdbrunzema, 10. Jun 2008, 08:20
Was machen Sie denn da!

Gehen Sie da weg!

Das ist nicht gut.

Oder doch?

Hm. Es fühlt sich auch ein bisschen wie Urlaub an, ehrlich gesagt.
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schussel, 10. Jun 2008, 10:27
Da werden Erinnerungen wach. Mein B. war ein O. und lag in der Nähe von Berlin. Ich logierte dort ein dreiviertel Jahr unter exakt den gleichen Zuständen wie Sie. Das "Bad" war allerdings auch zeitgleich Waschküche für Frau Wirtin. Und bei schlechtem Wetter trocknete sie ihre Ober- und Untergarderobe auch dort... Um mir die Sache etwas erträglicher zu machen, habe ich mein Kellerverlies "Souterrain" benannt.

Das Bad ist selbstverständlich auch hier Waschküche, Souterrain ist nicht schlecht, ich habe bisher immer "Anliegerwohnung" gesagt, obwohl das ja Quark ist.
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giardino, 10. Jun 2008, 10:33
Ojeh...

weia...
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monolog, 10. Jun 2008, 20:32
Ihr B. hat, soweit ich mich erinnere, auch die eine oder andere nicht unschöne Ecke. Vielleicht sollten Sie sich, insbesondere bei diesem Wetter, mehr draußen aufhalten als in Ihrem Kellerloch. Schlossgarten und das Salzding sind ziemlich einladend.
Ansonsten: Aufrecht bleiben und aufs Ende hoffen.

Richtig. Gestern zum Beispiel war ich im F-Bad, an das ich mich sogar noch aufgrund der Salinen erinnern konnte (ich war mal als 11jähriger auf einem Wettkampf hier). Es gibt sogar einen Plattenladen!
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goncourt, 11. Jun 2008, 19:10
Irgendwann werden wir dahinkommen zu sagen: Diese Situation ist nun wirklich undundundesk.
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schoensa, 11. Jun 2008, 21:22
Haben Sie Ihr Blog mit in die Provinz genommen? Es ruckelt hier ein wenig in den letzten Tagen...
Nach dem kleinen B werden Sie das grosse B wieder richtig schätzen. Schätze ich zumindest. Und ich schätze, wir sehen uns im Oktober, da tausche ich auch ein kleines gegen ein großes B.
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reyamm, 13. Jun 2008, 21:52
Oje, oje, ich bedauere Sie auf das Aufrichtigste. In so einer Kleinstadt im Hunsrück da möchte ich nicht tot über'n Zaun hängen. Viel Kraft und vielleicht findest sich in der Datenbank ja ein freies Textfeld in welches man den Text "Humpen dröhnten, Gesundheiten wurden bei offenen Fenstern ausgebracht und oben und unten bejauchzt” einfügen kann.
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neo-bazi, 17. Jun 2008, 07:28
Scheisse.
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