Alle zwei Wochen, so scheint es, findet auf dem Marktplatz, in den die Fußgängerzone mündet, irgendeine Aktion statt, die niemanden interessiert, meist stehen die Veranstalter zu dritt oder zu viert unter einem beschirmten Klapptisch herum in lächerlichen roten Hemdchen, auf denen griffige, leicht eingängliche Parolen geschrieben stehen, die man vielleicht gerade wegen ihrer Eingänglichkeit sofort wieder vergisst, und unterhalten sich untereinander. Vor drei Wochen war der DGB da, ein Mann antwortete in sein Mikrofon mit Floskeln von Veränderung und Zukunft, von Müssen und Verantwortung auf floskelhafte Fragen, die ihm sein Kollege stellte, so, als hätten die beiden ein Publikum, dass ihnen zuhörte, aber die Rentner und Kurgäste aßen nur ihr Mittagsmenu in den den Markt umgrenzenden Restaurants, vereinzelt saßen Leute auf den Bänken mit ihrem Eis oder rauchten und schauten die Gewerkschaftler an wie man etwas ansieht, um abzuschalten, mit einem Blick, wie man meinetwegen aufs Meer hinausschaut, von dem man auch nichts erwartet, und ich weiß nicht, was mich mehr faszinierte: die Sinnlosigkeit der Unterhaltung der beiden Männer, die laut über den gesamten Platz schallte, ins Leere hinein, oder die Leere der Unterhaltung selbst, die mit Glutamatwörtern angereichert und ungenießbar war.

Vergangene Woche jedenfalls, ich glaube, es war Dienstag, habe ich mir in der Mittagspause ein Eis gekauft und mich auf eine schattige Bank am Rand des Markts gesetzt: die Vereinigung der Verkehrsanwälte hatte einen riesigen roten Truck, auf dessen Anhänger zwei VW-Käfer installiert waren, quer über den Platz gestellt, ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, was ich eigentlich sah. Die Hinterreifen, Fenster, das Dach sowie die Türen der beiden Automobile waren bis auf die Kühlerhaube und die Vorderreifen vollständig mit roter Farbe lackiert, so dass sie, zusammen mit den großen schwarzen Punkten, die über ihre Außenfläche verteilt waren, tatsächlich und wie offensichtlich beabsichtigt an Marienkäfer erinnerten. Der eine, am hinteren Ende des Hängers befestigte Käfer stand in einem Winkel von ungefähr 45 Grad leicht schräg um die Längsachse gedreht auf seinem rechten Hinterreifen und ruhte mit seiner Front auf dem Dach des anderen Käfers, was mir zuerst wie der festgehaltene Moment eines Auffahrunfalls vorkam, bis ich die serifenlose Schrift auf den beiden Seitentüren las: “Bevor sich Ihre Punkte vermehren ...” stand auf der einen und “Verkehrsanwälte.de” auf der anderen, mir jeweils zugewandten Seite der Türen. Ich weiß nicht, ob die wenigen Passanten, die über den Marktplatz gingen, eben jenes realisierten, was mich für einen kurzen Augenblick belustigte, dass dort zwei vögelende Käfer zur Schau gestellt wurden, jedenfalls kam mir plötzlich der Gedanke, von dem ich denke, dass ich ihn einmal bei P. gelesen habe, der Gedanke an die vielen Gedanken und Diskussionen, Kostenvoranschläge und praktischen Verrichtungen, die nötig sind, damit Dinge wirklich werden, damit also auch dieser Truck, dessen verchromte Außentanks, Schutzbleche und hinter der Fahrkabine senkrecht aufsteigenden Auspuffrohre in der Mittagssonne so grell aufblitzten, mit seinen korpulierenden Käfern auf der Ladefläche, die so recht niemand beachtete, Wirklichkeit wurde, was mich ein wenig ermüdete, weil im Prinzip die Arbeit, die mich zur Zeit ernährt, ebenfalls aus unzähligen Telefonaten, Gesprächen und Korrespondenzen besteht, aus Korrekturen, Rücksprachen, Versendungen, Angeboten und so in einem fort bis letztendlich ein Produkt da ist, das mich in keinster Weise interessiert, hinter dem, wenn man überhaupt darüber nachdenkt, nur Analysen, Statistiken und Marktumfragen zum Vorschein kommen, die aus einem Kalkül hervorgehen, im Gegensatz meinetwegen zu manchen Texten, bei denen vielleicht nicht hinter, sondern in einem, gleichzeitig, neben den Zeichen selbst noch etwas Unzeichenhaftes bzw. alle Zeichen Transzendierendes und/oder Ermöglichendes zu erkennen sein könnte, etwas Allgemeines, vereinzelt nicht Sagbares.

Daran musste ich denken, als ich, auf dem Weg zurück zur Firma, vor der Ampel an der Bundesstraße, die die Fußgängerzone in zwei Hälften teilt, wartete, dass wir fast vollständig umgeben sind von den von uns geschaffenen Zeichen und mit Bedeutung aufgeladenen Symbolen, dass wir uns eigentlich ständig mit uns selbst unterhalten, so dass selbst diese Ampel, vor der ich wartete, und auf der der Schriftzug Signal kommt aufleuchtete, wenn man die kreisrunde Fläche des kleinen, auf Hüfthöhe angebrachten Kastens, der jeweils an beiden Masten angebracht war, berührte und damit einen Kontakt auslöste, dass selbst dieser Schriftzug mir geradezu biblisch bedeutungsvoll erschien, bis endlich die Schrift verschwand, das grüne Männchen kam und ich die Straße überquerte.

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wasweissich, 6. Jul 2008, 22:42
Hui! Bald Zeit für die Rückkehr nach Berlin, vielleicht. Danke aber für den Text.

Am Wochenende erstmal wieder (endlich).
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neo-bazi, 10. Jul 2008, 20:41
Ich verneige mich vor der Länge dieser Sätze. Mein lieber Mann.

Mal was ausprobiert ...
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